Rezension /// Guy Delisle „Aufzeichnungen aus Jerusalem“

Guy Delisle „Aufzeichnungen aus Jerusalem“ (Reprodukt)

Die Familie Delisle ist wieder auf Reisen. Für ein Jahr haben sie in Jerusalem eine Wohnung bezogen. Ein Jahr, indem seine Frau Nadège für die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen tätig war und Guy in der Zwischenzeit den Hausmann gespielt und für uns das Leben im Nahen Osten in Comicform konserviert hat.

Als Alice zu schreien beginnt, schlafen die meisten Passagiere im Flugzeug nach Israel bereits. Ihr Vater Guy versucht sie zu beruhigen. Ein dicker, geduldiger Mann hilft ihm. Er nimmt Alice auf den Arm und spielt mit ihr. Als der Mann den Arm hebt, sieht Guy eine tätowierte Zahlenreihe. Guy verschlägt es die Sprache: „Ein KZ-Überlebender! Man hat so viele Schreckensbilder aus dieser Epoche gesehen. Aber heute bietet sich mir ein anderes Bild, dank diesem alten Russen, der tausende Meter über dem Boden mit meiner Tochter spielt.“

Guy Delisles Aufzeichnungen aus Jerusalem beginnen nicht selten allzu banal mit einer Alltagsepisode aus dem Leben in Israel. Doch was für viele Israelis und Palästinenser Alltag bedeutet, ist für Delisle ein großes Konglomerat an kulturellen Gegebenheiten und Zerwürfnissen, an die sich ein Mitteleuropäer nur schwer gewöhnen kann. Zwischen Haushalt, Kinderpflege und dem Versuch ein neues Comicprojekt in Angriff zu nehmen, erkundet Delisle, der sich wieder selbst in seine Reportage eingezeichnet hat, die Heilige Stadt und kommt ganz allmählich hinter einige ihrer unzähligen Geheimnisse beziehungsweise Obskuritäten.

Wer Delisles Vorgängerwerke Aufzeichnungen aus Birma, Shenzhen und Pjöngjang kennt, der weiß, dass der gebürtige Frankokanadier zwar gerne den Reiseführer spielt, aber immer ganz der objektive Beobachter bleibt. Gemeinsam mit seinem kastenförmigen Alter Ego erkundet der Leser Israel, den Gazastreifen und den viel zu lange andauernden Konflikt im Heiligen Land. In kurzen Alltagsepisoden verdichten sich Nahost-Reportage, pointierte Erzählung und angelesenes Wissen zu einer kurzweiligen Lektüre. Abseits der ausgetretenen Pfade sucht Delisle in Jerusalem und Umgebung nach Spuren der dort beheimateten Religionen und versucht ihre Entwicklung bis zum heutigen, mehr als prekären Zustand nachzuvollziehen.

Delisle zeichnet seine Personen und Szenerien mit einfachen und klaren Linien. Die Geschichte steht immer im Vordergrund. Naturalismus ist kein Muss. Die Einfachheit seiner Bilder darf jedoch nie über den Gegenstand seiner Panels hinwegtäuschen, denn in seinen grafischen Erzählungen verbergen sich Abgründe, die erst entkleidet werden wollen, um sichtbar zu werden. Vermutlich ist das einer der Gründe, warum Aufzeichnungen aus Jerusalem in Angoulême mit dem wichtigsten europäischen Comicpreis ausgezeichnet wurde.

Guy Delisle
Aufzeichnungen aus Jerusalem
Reprodukt, Berlin 2012
336 Seiten, 29 Euro