Lesen /// Helge Schreiber „Network of Friends – Hardcore-Punk der 80er Jahre in Europa“

Dokument. Fanzine. Discografie. Poesiealbum. Das Buch Network of Friends ist all das und noch viel mehr. Es dokumentiert die europäische Hardcore-Punk-Bewegung von 1984-1989, die nach all den Jahren in der Schublade erschreckend frisch und schnodderig daherkommt.

Bisherige Veröfflichungen zum Thema legten den Fokus zumeist auf die Entwicklung des nordamerikanischen Hardcore bzw. der englischen Subkulturen rund um Punk und Oi. Helge Schreiber, kennt man von diversen Fanzines (Trust, OX, Plastic Bomb) oder direkt aus dem AJZ, versucht einen anderen, einen europäischen Einstieg.  Und warum er das getan hat, erklärt uns gleich selbst:

Das Buch Network of Friends dokumentiert die Hardcore-Punk-Bewegung in den 80er Jahren in Europa aus meiner persönlichen Sichtweise und meinem Engagement innerhalb der Punk-Rock-Szene seit 1980. Die Auswirkungen dieser Bewegung sind bis heute spürbar. Dennoch sind die Anfänge mehr oder weniger in Vergessenheit geraten, eine umfassende Übersicht speziell der europäischen Szene lag bisher nicht vor.

So ist das also. Gut zu wissen. Network of Friends orientiert sich in der Machart stark am Launischen interviewhaften Grundton eines Fanzines. Das ist nicht etwa ein Manko, sondern eine Stärke, denn durch die interviewhaften Passagen und die Vielstimmigkeit der Akteure wird eine Authentizität erreicht, die mit einem Autor womöglich nicht möglich ist, außer man heißt Jonathan Safran Foer. Lediglich die Einleitung und die Gelenkstücke zu den einzelnen Kapiteln wurden von Schreiber verfasst. Seine wesentliche Tätigkeit war es die vielen Protagonisten dieser Zeit aus der Versenkung zu holen, sie zu interviewen und den riesigen Wust an Material zu ordnen und in eine Form zu gießen. Schreiber verzichtet auf soziologische Analysen der Hardcore-Punk-Bewegung, weil er „das Lebensgefühl der 80er Jahre zu vermitteln“ versucht, sodass „ein möglichst authentisches Bild von den Anfängen der Szene entsteht“.

Auch heute gilt immer noch, dass eine Gemeinschaft nur so gut ist wie die einzelnen Leute bereit sind, sich in ihre zu engagieren. Hierbei kommt vor allem der Do It Yourself-Gedanke zum Tragen, denn das Selbstmachen und Nicht-angewiesen sein, auf herkümmliche Herstellungs- und Vertriebsstrukturen des Massenkonsumgesellschaft was und ist immer noch ein großer Antriebsfaktor in der Punk-Rock- und Hardcore-Punk-Szene.

Schreibers Interviewpartner räsonieren über Musik, D-I-Y und Selbstverwaltung und begeben sich abermals in die vielen altenativen Jugendzentren der Bundesrepublik. Manche von ihnen wie das AJZ Bielefeld gibt es heute noch, andere sind so ausgestorben wie die zahlreichen Bands, die Schreiber in der ausführlichen Discografie am Ende des Bandes aufführt. Überraschend ist auch wieviel Bildmaterial Schreiber aus den Archiven geholt hat. Grandiose s/w-Fotos von legendären Konzerten. Vielleicht ist ja auch ein Foto von dir/deinem Papa dabei. Zugreifen!

Helge Schreiber
Network of Friends – Hardcore-Punk der 80er Jahre in Europa
Salon Alter Hammer
256 Seiten , 16,90 EUR, ISBN-13: 978-3940349064

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