Plattenkritik /// Justin Bieber „Under The Mistletoe“

Neue Bieber-Platte. Endlich wieder was zum Aufregen: Ist das noch authentisch? War es das jemals? Geht es beim Bieber-Anhimmeln überhaupt um die Musik? Oder nur um eine putzige Abziehfolie mit Glitzereffekt?

Während die entlaubten Bäume in diesen Tagen so aussehen wie kultivierte Fischgräten, behält eine Pflanze weiter ihre sommergrüne Frische: der Mistelzweig. Misteln hängen als kleine buschige Anhängsel an so manchen Bäumen und frönen dort ein allzu parasitäres Leben. Sie wachsen und gedeihen auf Kosten anderer. In der Weihnachtszeit haben sie dann ihren großen Moment. Sie werden für allerlei Freunde des Kitsches zum Inbegriff der Festtagsromantik. „Schau her mein Schatz“, heißt es dann „Ich stehe unter einem Mistelzweig“. Ein Anlass ist gefunden. Schon geht die wilde Knutscherei los. Das soll dann romantisch sein.

Ein weiterer Anlass, die Festtagsromantik zu schüren und seine Liebsten auf den Heiligabend einzustimmen, sind Weihnachtsalben. Veröffentlichen darf die jeder. Hauptsache, der Kitschfaktor stimmt und die Songs halten viele weihnachtliche Schlagwörter parat, so dass auch der Dusseligste weiß, was er nun um die Ohren bekommt. Speziell wenn man einen höheren Bekanntheitsgrad erreicht hat, empfiehlt es sich ein solches Album aufzunehmen. Whitney Houston hat es getan. Mariah Carey sogar mehrfach. In diesem Jahr zieht Popphänomen Justin Bieber nach.

Rummel-Synthies, die so klingen, wie billige Zuckerwatte schmeckt

Man mags kaum glauben, aber der Poster-Boy hängt nicht nur auf Twitter ab, sondern existiert wirklich. Pünktlich zum Weihnachtsfest erscheint Under The Mistletoe, das zweite Album des Weltstars, der es ohne Musik bis in den Pop-Olymp geschafft hat. Diesem Konzept bleibt er treu: Auf seinem zweiten Longplayer finden sich neben gecoverten Festtagsgassenhauern nur drei Neukompositionen („The Only Thing I Ever Get For Christmas”, „Mistletoe“, „Christmas Eve“). Dafür gibt es jede Menge Fotos vom mal lächelnden, mal ernst dreinblickenden Justin vor einer grauen Wand. Ähnlich grau und eindimensional sind auch die Songs. Das Album leidet unter seiner uninspirierten monotonen Stimmlage. Bieber gähnt mehr als das er singt. Das können auch Gastsänger Usher („The Christmas Song“) und Mariah Carey („All I Want For Christmas Is You“) nicht wieder hinbiegen.

Musikalisch orientiert sich Under The Mistletoe an die R’n’B-Alben der 1990er. Leider trifft das auch auf die Produktion zu. An allen Ecken trieft es vor antiquierten Samples und bollernden Beats, die heutzutage jeder besser auf seinem Rechner herstellen kann. Zwischendurch gibt es klirrende Rummel-Synthies, die so klingen, wie billige Zuckerwatte schmeckt. Die Frage ist nur, ob die Bieber-Fans dieser Welt mit Zeilen wie diesen: „I should be playing in the winter snow / But I’mma be under the mistletoe“, überhaupt noch was anfangen können. Ist das noch authentisch? War es das jemals? Geht es beim Bieber-Anhimmeln überhaupt um die Musik? Oder nur um eine putzige Abziehfolie mit lustigem Haarhelm?

Wer den rehäugigen Bub aus Kanada einfach nur schnuckelig findet und nicht über die Marktmechanismen im Hintergrund nachdenkt, wird auch dieses Album lieben. Ja, es ist großartig. Wahrscheinlich das Beste, was er je eingesungen hat. Darauf haben wir schon lange gewartet. Und er ist so süß. Viel zu süß, um kritisiert zu werden. ;-(

Fotos: Universal


Justin Bieber
Under The Mistletoe
Island / VÖ: 2.12.2011

Erstveröffentlichung des Artikels auf unicum.de.

One thought on “Plattenkritik /// Justin Bieber „Under The Mistletoe“

  1. Pingback: Justin Bieber News

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s