Ja!Nuss! hört: Shazalakazoo „Karton City Boom“

Musikessay: Fast synchron tauchen heutzutage neue elektronische Musiktrends aus allen Regionen der Welt auf. Das serbische Duo Shazalakazoo füttert nun Server und Festplatten mit ihrem eigenen: Karton City Boom.

Elektronische Musik war lange ein Privileg von kapitaldurchsetzten Industrienationen. Die Betonung liegt auf ‚war’, denn Technologie ist kein Statussymbol mehr. Sie ist mehr oder minder für alle verfügbar, die sie nutzen wollen. Seit Jahren purzeln die Preise für Computer-Equipment und Schnittprogramme. Das resultiert natürlich aus der Massenfertigung von Elektronik-Artikeln. Die Globalisierung hat da auch ihre Hände im Spiel. Das Internet besorgt den Rest. Als Vertriebskanal lassen sich dort einfach Hard- und Software bestellen und später wieder verbreiten. Mit ein paar Mausklicks können Bands dann nicht nur Songs produzieren, sondern auch eigene Portfolios erstellen (bevorzugt auf Bandcamp, MySpace und YouTube) und einer internationalen Fanbase vorstellen.

Und wie bedanken sich die Internetnutzer? Ganz einfach: sie füttern Server und Festplatten mit einer schier unübersichtlichen Zahl an Songs und Videos. Mit welcher Kreativität das gemacht wird, ist erstaunlich: Fast synchron tauchen heutzutage neue elektronische Musiktrends aus allen Regionen der Welt auf – dabei spielen Herkunft und sozialer Status keine Rolle mehr. Die besten Beispiele dafür sind Baile Funk aus den brasilianischen Favelas, Kuduro aus Angola, Kwaito und Shangaan-Electro aus den südafrikanischen Townships und Tallava aus den Karton-Slums des Balkans.

Genre-Mashup: Balkan City Dubstep?

Und hier schließt sich der Kreis. Hinter dem unaussprechlichen Namen Shazalakazoo  verbergen sich die Belgrader Milan Durić und Uroš Petkovic. Der Name der Platte ist ein Verweis auf die Belgrader Karton-Städte, ärmere Gebiete mit einer hohen Population. Wie in den brasilianischen Favelas hat sich in Belgrad eine einzigartige Melange aus traditionellen Rhythmen und westlicher Technikaffinität etabliert. Die Musik dazu nennt sich Karton City Boom und ist in erster Linie für den Dance Floor bestimmt. Das Fundament dazu ist sehr basslastig und orientiert sich stark an den Sub-Bass-Linien des Dubstep (Faustregel: tief, tiefer, Sub-Bass). Nach der Beat-Basis folgen die Balkan-Melodien und –Rhythmen, die nicht selten vor Ort mit lokalen Instrumenten und Künstlern eingespielt wurden. Am Ende stehen die Vocals. Fertig.

Nun könnte man natürlich argumentieren: Who cares? Genrezitate und Balkan-Beat kann heute jeder? Stimmt so weit, nur nicht unbedingt in gut. Shazalakazoo sind die Ausnahme. Die beiden Knaben aus Belgrad haben ihr Handwerk gelernt und sind dabei so traditionsbewusst wie zukunftszugewandt. Karton City Boom wird einigen Dubstep-Fans die Kronen aus dem Gebiss lösen. Zahnschmerzen inklusive. Durić und Petkovic wollen die Meute nicht mit leicht konsumierbaren Dance Floor-Krachern bezirzen, sondern wirklich einen eklektischen Sound kreieren. Dass sie dabei einigen angesagten Acts aus dem UK die Buttor vom Brot stehlen, ist eine angenehme Nebenerscheinung. Und siehe da: auch hier verschwimmen die Landesgrenzen.

 


Shazalakazoo

Karton City Boom
Eastblog Music /
VÖ: 04.11.2011

Erstveröffentlichung des Artikels unicum.de

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s