Bloggespräch /// Pieces of Berlin (Florian Reischauer) im Interview

Florian, worum gehts in deinem Blog “Pieces of Berlin”?
Florian Reischauer: Der Blog existiert mittlerweile über ein Jahr und es geht mir vorwiegend darum einen Querschnitt durch den Berliner Alltag zu legen. Die Stadt und ihre Kieze sind sehr unterschiedlich, aus rein optischer bzw. demographischer Sicht. Mich interessiert jeder Berliner, diese Vielschichtigkeit, und nicht nur, sehr polemisch ausgedrückt, der Hipstar aus Mitte, der mit den schicksten Klamotten rumläuft. Was einem natürlich sehr schnell in Berlin auffällt, sind die rasanten Veränderungen der Stadt, die meiner Meinung nach großteils negativer Natur sind. Wastelands, die mir persönlich Luft zum Atmen geben, verschwinden, Altes wird totsaniert, Berlin gleicht immer mehr einem Spielplatz für Immobilienhaie und Co. Das finde ich sehr bedenklich, da die Stadt so Gefahr läuft aalglatt und langweilig wie 237456485 andere zu werden. Deswegen versuche ich auch mit Pieces of Berlin solche verbleibenden Ecken zu konservieren.

Wie gehst du bei der Auswahl deiner Motive vor? Flanierst du durch die Straßen und pickst dir dort ein paar Leute aus der Masse heraus? Oder recherchierst du bevor du die Kamera in die Hand nimmst, um interessante Motive und Menschen zu finden?
FR: Ich bin meist ein bis zwei mal wöchentlich unterwegs. Bevor ich losfahre such ich mir einen Kiez/Bezirk aus, den ich dann so zu sagen unsicher mache. Ich versuche lediglich, dass das Geschlechterverhältnis ausgewogen ist, ansonsten gibt es wie oben schon gesagt keine Auswahlkriterien. Die gefragten Personen müssen nur ein bisschen Mut mitbringen und 5 Minuten ihrer Zeit opfern. Im Schnitt macht jeder Zweite der befragten Leute mit.

"Titus" - Pieces of Berlin

"Titus" - Pieces of Berlin

Du fotografierst ganz normale Menschen auf der Straße und stellst sie deinen Lesern anhand von Bildern und kurz paraphrasierten Biografien vor. Was ist so interessant am Mediokren? Den Fokus legst du ja nicht auf bekannte Personen.
FR: Ganz einfach, eine Stadt lebt, pulsiert und funktioniert durch ihre Einwohner. Da sind bekannte Persönlichkeiten natürlich nicht ausgeschlossen, jedoch machen sie vielleicht ein Promill aller Leute hier aus und ich möchte auf gar keinen Fall hier eine Wertigkeit einfließen lassen.

Eine deiner Fotoinstallationen hieß “Public Viewing”. Dort hast du überlebensgroße Polaroids von dir bekannten Menschen an Berliner Hauswände gehängt. Was war die Absicht dahinter?
FR: Die Hauptabsicht dahinter war die Menschen etwas zum Nachdenken an zu regen. Die Straßen sind vollgepflastert mit Werbebannern, die versuchen uns alles mögliche einzureden, uns durch den Alltag zu dirigieren. Als Antwort darauf gab es dann eben diese großen Polaroids mit, für die Masse, unbekannten Gesichtern, die die Passanten teils etwas fragend, ängstlich, oder überrascht anglotzen.

Lässt sich der Begriff “Public Viewing” auch auf dein aktuelles Projekt “Pieces of Berlin” beziehen? Sicherlich ist der öffentliche Raum anders verortet als ein Blog im Netz, aber eine Auswahl der PoB gabs ja bis vor kurzem auch im Fenster 61, Torstraße 61, in Berlin zu sehen. Und auch im Blogformat macht “Publich Viewing” durchaus Sinn, wenn man den Begriff nicht zu eng fasst.
FR: Die Bedeutung des Begriffs „Public Viewing“ lässt sich rein theoretisch natürlich darauf beziehen. Der Blog ist ja frei zugänglich, natürlich mit der Hürde, dass man einen Computer plus Internetzugang benötigt und es wird etwas öffentlich zur Schau gestellt. Dennoch finde ich diesen Terminus fürs POB unpassend. Bei der Installation wurde man ja fast dazu gezwungen das anzusehen, da die Banner zum Beispiel auf dem Weg in die Arbeit einem auftun, ohne jeglicher Bemühungen. Desweiteren bedeutet „Public Viewing“ im englischen Raum eigentlich Leichenschau, was zu der damaligen ungewissen Zukunft des Polaroids passte.

"Alles ist möglich" - Pieces of Berlin

"Alles ist möglich" - Pieces of Berlin

Tocotronic besangen 1994 in ironischer Weise die Vorteile der Neuen Medien (“Digital ist besser”). Zumindest in der Fotografie hat sich dieser Slogan quantitativ durchgesetzt. Du hingegen fotografierst größtenteils analog. Warum?
FR: Das Analoge hat einen einzigartigen Charme. Farben kommen anders zur Geltung. Es gleicht viel mehr einer Erinnerung. Ich finde es besonders schön, wie bei Pieces of Berlin, mit einer sehr alten Kamera zu arbeiten und mit den damit verbunden „Fehlern“ und Zufällen zu spielen. Aber ebenso möchte ich das Digitale auf keinen Fall verteufeln. Für jede Geschichte gibt es ein passendes Medium.

Schon heute gibt es zahlreiche Apps die unzählige Kameras, Objektive oder Filter durch ein iPhone ersetzen. Warum sollte man überhaupt noch analog fotografieren? (Oder was sind die Vorteile der analogen Fotografie?)
FR: Spinner wie ich lieben es, dass man nur 12 Fotos mit einem Film machen kann und das Ergebnis erst nach dem Entwickeln sieht. Nein ehrlich, der Weg zum Endprodukt ist was tolles und macht Spaß. Auf den Knopf drücken und in sekundenschnelle das Bild auf dem iPhone Display an zu kucken, das ist mir zu langweilig, ganz geschweige davon kann man die Qualität eines solchen Fotos in keinsterweise mit einem Mittelformatnegativ vergleichen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Bildästhetik scheint dir sehr wichtig zu sein, wie man an den “Pieces of Berlin” sehen kann. Die Fotos haben oft eine Rahmung. Du spielst mit Artefakten auf den Abzügen, also Schlieren, Staubpartikel und Lichtreflexionen. Wie viel Arbeit steckt in deinen Fotos? Und wie viel vom fertigen Bild steckt schon in der Aufnahme?
FR: Es wird sehr wenig im Nachhinein am Bildschirm geändert. Wie schon gesagt ist es ein Spiel mit dem Zufall und Fehlern der Kamera. Lichteinfälle passieren eben zum Beispiel natürlich direkt beim Fotografieren.

Noch eine Frage zur Ästhetik: Deine Fotos wirken teilweise von der Farbintensität so, als hätten sie schon 30 Jahre auf dem Dachboden gelegen (ist nicht negativ gemeint). Verneigst du dich damit vor der Dia-Ästhetik?
FR: Ich arbeite großteils mit abgelaufenen Filmmaterial, um diese Ästhetik zu erlangen. Die Fotos sind Momentaufnahmen aus der sehr nahen Vergangenheit. Kombiniert mit eben diesem Stil und der Dynamik des Blogs, der ständig aktualisiert wird, find ich das eine schöne Geschichte.

Danke für das Interview.

Pieces of Berlin möchte von euch besucht werden. Einige der PoB können sogar gekauft werden.

Fotos: by Florian Reischauer

2 thoughts on “Bloggespräch /// Pieces of Berlin (Florian Reischauer) im Interview

  1. Schönes Interview Holger.
    Ich hatte schon mal von PoB gehört, aber so genau hatte ich mir das nicht angeschaut. Du hast auf jeden Fall mein Interesse daran geweckt.

    Tobi.

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