So wars auf dem Traumzeit Festival

Das Traumzeit 2011 – Ein Musikfestival in einem ehemaligen Duisburger Hüttenwerk. Elektronische Musik, Jazz, Singer-Songwriter, Pop, Postrock und burmesischer Folk – vom 1. bis 3. Juli war alles eins.

Früher war das Hüttenwerk in Duisburg-Meiderich ein industrieller Moloch, dessen Schornsteine Luft und Lungen mit Rauch und Abgas schwängerten. Dann wurde das Werk still gelegt und ein Naherholungsgebiet mit Kletterpark und Tauchbecken entstand. Ein Blick auf den Festivalplan zeigt: Den „Wandel durch Kultur“ schreibt sich das Traumzeit-Festival nicht nur auf die Fahne, es lebt ihn tatsächlich. Die fünf Bühnen sind allesamt in ehemaligen Werkshallen untergebracht. Sie tragen ihre ursprünglichen Namen: Giesshalle, Gebläsehalle, Pumpenhalle, Kraftzentrale und Gasometer. Die verwitterten Gebäudekomplexe stimmen den Besucher nostalgisch, regelrecht morbide wird der örtliche Charme, wenn man die Türen aufgestoßen hat und ins dunkle Innere der Fabrik, zu den Bühnen, vorgedrungen ist. Zwischen Rohren, Rost und Altmetall prostet man sich zu und sucht in den Umbaupausen nach Relikten aus der Zeit, als hier noch malocht wurde. Ein Teil dieser Zeit scheint konserviert: Die aufgeheizte Luft im Innern atmet sich schwer, unwillkürlich fühlt man sich als Teil eines großen Ganzen und immer noch geben Maschinen das Tempo vor. Nur die Instrumente sind andere.

Doch das Traumzeit Festival ist kein Kondolenzbuch für die Malocher, die hier vormals ihr Tagwerk verrichteten. Es schreibt seine eigene Biografie. Und die ist erstaunlich bunt. Das Traumzeit Festival startete anno dunne als Jazz-Festival und öffnet sich immer mehr einem jüngeren Publikum. Raven mit Caribou, Postrock von Mogwai, Americana und Indierock von The Weakerthans – eine solch grenzüberschreitende Ausrichtung wäre vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen. Man denke auch an das diesjährige Traumzeit-Spezial: Myanmar. Das sogleich der erste und zugleich umfangreichste Schwerpunkt zur Musik eines Landes ist, das sich seit fast 50 Jahren wie kein anderes vom Rest der Welt abgeschottet hat.

Die stilistische Bandbreite des Festivals eröffnete sich gleich am ersten Tag. Das erste Highlight sind Bubble Beats – ein Drummer-Duo aus der Schweiz, das die Gasometer-Bühne aus der nachmittäglichen Kaffee-und-Kuchen-Stimmung holt. Mit einem Fiepen in den Ohren ging es dann zu Nils Koppruch. Koppruchs geradezu intime Kompositionen verwandelten die Gebläsehalle in ein Wohnzimmer und boten den Ohren Erholung vom Schweizer Trommelfeuer. Musikalisch knüpft er an das Erbe seiner Vorgänger-Band „Fink“ an. Soll heißen: er garniert seine lakonischen, doppelbödigen Texte mit Americana-, Blues- und Folk-Elementen. In seinen besten Momenten klingt er daher wie ein gemäßigter Tom Waits, der noch nicht dem Wahnsinn verfallen ist. Der ständig weiß, wo die Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit liegt.

Eben jene Grenze versuchten Caribou in der Kraftzentrale am späten Abend einzureißen. Stilistisch bewegt sich das Kollektiv um den Mathematik-Dozenten Dan Snaith im elektronisch-psychedelischen Bereich. Ist offen für Experimente, weshalb man auch allerhand Schlagwerk (2 Schlagzeuge auf der Bühne) in den homogenen Sound integriert. Etwas verhalten begrüßte Dan Snaith nach ein paar Songs das Publikum, das von allen Seiten Einblick auf die Bühne hatte. Etwas verhalten forderte er eben jenes nach ein paar weiteren Songs auf den Bereich zwischen Zuschauerraum und Bühne zu schließen. Das ließ man sich natürlich nicht zweimal sagen. Band und Publikum wurden eins. „It’s all about Feierei“, wie Sven Väth sagen würde.

Das Traumzeit Festival – Ein Ausweg aus der Krise

„Jedem Neu-Anfang wohnt ein Zauber inne“ – mit der Abwandlung dieser eigentlich tot zitierten Zeile aus Hermann Hesses Gedicht „Stufen“ ließe sich der Neustart des Traumzeit-Festivals zu seinem 15. Geburtstag durchaus charakterisieren. Es könnte stehen für ein Leben nach der Loveparade-Tragödie des letzten Jahres, als 21 Menschen in Duisburg in einer Massenpanik ihr Leben verloren. Auch deshalb gingen die Veranstalter den Geburtstag sehr behutsam an. Dazu Tim Isfort, künstlerischer Leiter des Traumzeit Festivals: „Wir Duisburger haben ein schlimmes Jahr erlebt seit dem letzten Festival im Juli 2010: eine Tragödie hatte die Stadt geschockt und dann lange gelähmt. Dies drückt sich bis heute in einer breiten Verunsicherung oder Hilflosigkeit aus.“

Fragen wurden laut, ob man sich mit der erneuten Ausrichtung eines Festivals nicht zu viel vorgenommen hat. Ob man den Ruf nach Sicherheit, nach Fluchtmöglichkeiten auf dem Festivalgelände, dem Landschaftspark Nord, überhaupt gerecht werden kann. Sollte man angesichts dieser Fragen überhaupt den Versuch wagen, ein größeres Festival in Duisburg zu veranstalten? Isfort antwortet auf diese Frage verantwortungsbewusst und vorausschauend: „Die Beurteilung von Veranstaltungen völlig unterschiedlichen Charakters müsste mit Fingerspitzengefühl und Kompetenz nicht aus Angst vor einer Verantwortung oder einer Fehleinschätzung getroffen werden.“ Wie dichtet Hesse seine „Stufen“ zu Ende? „Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“ Womöglich liegt im Traumzeit Festival sogar der Ausweg aus der Krise!

Weitere Infos, Programme und Nachberichte auf Traumzeit-Festival.de

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