Wahre Schönheit kommt von außen! Nachdenken mit Foucault und Karmasin

Sophia Loren & Jayne Mansfield

Foto: ecowin / Joe Shere (MPTV, interTOPICS)

Während Sexsymbol Jayne Mansfield mit Perlweißlächeln gen Kamera strahlt, betrachtet Sophia Loren neidvoll das tief ausgeschnittene Dekolletee ihrer Tischnachbarin. Das Bild ist von 1958 und wiederholt sich seitdem tagtäglich. Wir  wünschen uns vorzeigbarere Rundungen und weniger Fett auf den Rippen. Und wenn die Schokolade wieder stärker ist, geht’s  ins Fitnessstudio. Aber wer oder was formt unsere Schönheitsideale? Gesellschaft? Werbung? Heidi Klum? Helene Karmasin beantwortet diese Fragen bereits im Titel ihres aktuellen Sachbuchs: Wahre Schönheit kommt von außen!


Ganz so einfach ist es leider nicht. Zunächst ist es ratsam die Theoriekeule auszupacken, um der Thematik ein Fundament zu geben. Bevor man der Frage nachgeht, wie Schönheitsideale geschaffen werden, sollte  zuerst der Körper ergründet werden. Karmasin wählt in ihrem Buch einen kulturwissenschaftlichen Einstieg und erklärt zunächst die unterschiedlichen Körpertheorien. Körpertheorien lassen sich grob in dualistische und ganzheitliche Konzepte unterscheiden. Während ganzheitliche Körperkonzepte von einer Verbindung von Körper und Geist ausgehen, wie man sie im Buddhismus findet, trennen dualistische Konzepte den Kopf vom Körper und machen ersteren zum dominanten Part. Einziges Problem dabei: Ohne die leibliche Hülle existiert der wache Geist nur im Glas. Das wussten auch schon Schiller, Descartes und die Drehbuchschreiber von Futurama. Die christliche Religion ist ohne dualistisches Körperkonzept undenkbar. Man stelle sich vor: die reine, von Gott gegebene Seele und der sündige, lüsterne Leib sind ein und dasselbe. Undenkbar!

Heute stehen wir beiden Körperkonzepten ambivalent gegenüber. Yoga beispielsweise ist zu einem volksnahen Entspannungsinstrument geworden.  Außerdem werden buddhistische Praktiken mit klassisch-westlichen Sportarten gemixt. Dem gegenüber steht das Streben den eigenen Körper durch Disziplin und rationales Handeln zu optimieren. Wir streben nach Perfektion. „Erwünscht ist ein Körper, der nicht altert, der permanent leistungsfähig bleibt, der eine schöne und eine makellose Oberfläche zeigt“, wie Karmasin bestätigt.

„Wenn Du Dich nicht weiterentwickelst, bist Du draußen“

In diese Sparte fällt natürlich auch eine Sophia Loren, die sich nicht von der Bluse ihrer Tischnachbarin lösen kann. Den Neid der Loren teilen heutzutage viele, wenn sie sich mit den elfenbeingleichen Photoshop-Schönheiten der Illustrierten oder mit Top-Models vergleichen. Obwohl die meisten wissen, dass eine Frau, die mit einer Größe von 180 cm nur 50 Kilogramm wiegt, biologisch eher krank als gesund ist, eifern sie trotzdem diesem Ideal nach.  Denn wer es auf das Cover schaffen will – sozusagen materiellen Wohlstand und gesellschaftliche Akzeptanz erreichen will – der muss sich anpassen und ständig an sich arbeiten. Oder um es mit der Nonchalence von Heidi Klum zu sagen: „Wenn Du Dich nicht weiterentwickelst, bist Du draußen. Ihr müsst hart werden, ich will nichts schwabbeln sehen!“ Casting-Shows wie Germany’s Next Top Model  sorgen dafür, dass sich solche Phrasen in unverrückbare Feststellungen verwandeln.

Die Vorstellung des perfekten Körpers ist also eine von außen konstruierte. „Die Gesellschaft“, um mit Michel Foucault zu sprechen „schreibt sich in den Körper ein“. Eine griffige Zeile, die in keinem Soziologie-Grundkurs fehlen darf. Aber was will uns der französische Soziologe und Philosoph damit sagen? Nicht weniger als das Schönheitsideale und die Funktion des Menschen(körpers) von gesellschaftlichen Geprägen abhängig sind, die von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlich ausfallen.

Die Calaber etwa, ein in Afrika lebender Stamm, kann mit unseren ‚Hungerkünstlern’ vermutlich wenig anfangen. Sie schicken junge Mädchen in „fattening huts“. Solche ‚Hütten’ sind nichts anderes als Mastanlagen, in denen Frauen zu molligen Gestalten gezüchtet werden. Eine schlanke Frau würde bei den Calabern keinen Ehemann finden. Und doch gibt es eine Gemeinsamkeit zu westlichen Top Model-Nationen: Die Gesellschaft formt den Körper.

Boah, war das spannend. Ich muss unbedingt weiterlesen:

Helene Karmasin: Wahre Schönheit kommt von außen. Ecowin Verlag, 2011.

Michel Foucault: Dispositive der Macht – Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Merve, 1978.

Thomas Lemke: Biopolitik zur Einführung. Junius Verlag, 2007.

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