Berlin hat schon eine kleine Macke – Interview mit Joab Nist (Notes of Berlin)


Joab Nist ist 27 Jahre alt und studiert Arts and Media Administration an der FU Berlin. Nebenher streift er mit seinem Fotoapparat durch Berlin und knipst alles, was Menschen für ihre Artgenossen auf einer öffentlich zugänglichen Fläche schriftlich fixiert haben, also Aushänge, Zettel, Wohnungsgesuche oder Ähnliches. Diese veröffentlicht er dann in seinem Blog „Notes of Berlin“. Was es mit den Zetteln auf sich hat und warum Berlin eine kleine Macke hat, erklärt er uns im Interview.

Joab, welches Konzept steckt hinter dem Blog Notes of Berlin?
Joab (Notes Of Berlin): Ich versuche anhand von Zetteln, Botschaften und Kommentaren, die Berliner Bürger im öffentlichen Stadtbild hinterlassen, den Charakter der Stadt einzufangen. Das ist die Ausgangsidee.

Warum gerade Berlin? Hat Berlin als Hauptstadt oder als kulturelles Zentrum einen Standortvorteil? Vielleicht sogar ein besonderes Mitteilungsbedürfnis?
Joab: Ich glaube es sind mehrere Faktoren. Zum einen ist die Gesellschaft hier ein bisschen durchmischter. Ich will nicht sagen kreativer, denn es sind ja nicht nur Kreative, die die Zettel schreiben. Die Art zu kommunizieren, ist in Berlin einfach direkter, ein bisschen unverblümter. Manchmal aber auch unbedachter und auch ein bisschen romantischer als in einer anderen Stadt.

Quelle: Notes of Berlin

Die große Ära der Litfaßsäule ist längst beendet. Warum hängen die Leute überhaupt noch Aushänge auf?
Joab: So ein Aushang hat ja mehrere Vorteile. 1. Er ist preiswert. 2. Schnell. 3. Du kannst deine Zielgruppe erreichen. Das gängigste Beispiel ist da ein Mehrfamilienhaus: Wie kann man etwas im Haus besser kommunizieren? Da ist doch ein Zettel das gängigste Mittel. Ein anderes Beispiel: Wenn ich jemanden wiederfinden möchte, würde ich auch eher einen Aufruf starten als auf Facebook oder in einem anderen Online-Forum etwas zu posten. Dazu kommt noch die Art, wie man den Zettel schreibt. Diese ermöglicht dir dem Ganzen deine persönliche Note beizumischen.

Im Infotext deines Blogs schreibst du, dass Berlin sich mitteilen will. Wenn also Berlin eine Person wäre, welche Charakterzüge hätte sie?
Joab: Also Berlin als Person hat schon eine kleine Macke. Aber im positiven Sinne. Die Person ist generell immer ein bisschen auf der Suche und weiß vielleicht nicht immer genau nach was. Aber gleichzeitig ist diese Person ein wenig idealistisch veranlagt und stellt gewisse Werte in den Vordergrund. Berlin wäre eine Person, die neugierig ist. Die quasi immer nach neuen Impulsen strebt und die die Abwechslung auch braucht.

Quelle: Notes of Berlin

Wenn man deinen Blog durchstöbert, erblickt man viele alltägliche Dinge wie Liebesgeständnisse und Gesuche. Was ist dran am Alltäglichen, am Banalen? Warum findet das gerade auf der Straße statt und nicht in Anzeigenblättern, deren Reichweite garantiert höher wäre?
Joab: Ich glaube, dass die Sachen, die ich entdecke oder die andere entdecken und mir zuschicken, die Basis einer Stadt sind. Das ist das wirkliche Leben. Das ist die Alltagskultur, die jeden betrifft. Deswegen fühlt man sich auch von den Notes angesprochen, obwohl einen das Thema nicht direkt betrifft. Da werden Grundbedürfnisse angesprochen, die jeder in sich hat. Und wenn da unvorbereitet an einer Kreuzung so ein Zettel klebt wie: „Ich wäre der glücklichste Felix in Prenzlauer Berg, wenn wir uns wieder sehen“, dann kann das einfach jeder nachvollziehen. Und wenn man auch nur an die Schulzeit erinnert wird, in der man neben einem Mädel saß, die man immer toll fand. Da wird auf jeden Fall mehr transportiert, als sich die Schreiber der Notes bewusst sind.

NOTES OF BERLIN ist ein Gemeinschaftsblog, d.h. jeder kann mitmachen! Wer ein Fundstück hat, kann dies per Mail senden an: notes@notesofberlin.com

Erstveröffentlichung des Artikels auf unicum.de.

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