Fotoessay /// Opas Orden und ihre fehlende Geschichte

Seit Tagen sitze ich grübelnd vor diesem Bild und kann mich ihm nicht entziehen. Was bringt mich dazu dieses Foto wieder und wieder anzusehen? Ist es seine fehlende Geschichte? Oder die unbestimmte, ins Leere gerichtete Trauer des alten Herrn links im Bild?

Entdeckt wurde es auf dem Speicher, in einer Kiste voller Dias. Diese stammen aus einer Zeit, in der die Welt noch durch Vorhänge getrennt und in Zonen geteilt wurde. Weniger metaphorisch: aus den 1970ern. Der Lebensgefährte meiner Mutter brachte es aus Sankt Petersburg mit. Er selbst schüttelt jedes Mal den Kopf, wenn ich Sankt Petersburg sage. „Für mich ist das Leningrad. In Sankt Petersburg bin ich nie gewesen“, antwortet er dann.

Das Dia ist Teil einer leicht rotstichigen Serie, die man für einige Rubel in jedem Souvenirgeschäft an den wichtigsten Verkehrsknotenpunkten in Sankt Petersburg kaufen konnte. „Das war dann was für zuhause. Um zu sagen: hier war ich, das hab ich gesehen. Für die Oma zum Angucken.“ Ein Mitbringsel für die Hinterbliebenen also. Und was für eins! Der ganze Prunk von Mütterchen Russland: Das Denkmal der heldenhaften Verteidiger Leningrads, der Marsovo Pole im Herzen der Innenstadt, der Moskauer Bahnhof bei Nacht, das Alexander-Theater, der Osrowski-Platz, das Singer-Haus. Dias mit belebten Straßen, Abbildungen von Altbaufronten, alles lebt, gedeiht, blüht. In einem surrealen Rot. Nur leider nach 30 Jahren Lagerung auf dem Dachboden so ausgeblichen wie der Name der Stadt. Straßenfronten wurden umbenannt; Die Namen Lenin und Stalin aus dem Register gestrichen.

Opis Orden und ihre fehlende Geschichte

Mit Barthes in geschichtslosen Bildern wühlen

Dementsprechend fehlen die Geschichten zu den Bildern. Es fehlen die Namen der Personen, der Plätze, das Datum der Aufnahme. Doch etwas ist nicht verloren gegangen: ihre Seele. So wühlt man sich durch Erinnerungen, welche nicht seine eigenen sind und bleibt immer wieder bei einzelnen Dias hängen. Fokussiert den Mann mit den Orden, sein trauriges Gesicht, die Blumen in seiner rechten Hand. Wie eingemeißelt scheint die Trauer im Gesicht des alten Herrn. Sein Sakko wirkt abgetragen. Aber auch die anderen Namenlosen im Hintergrund, die allesamt in die eine, alles bestimmende Richtung starren. Doch was sich dort befindet, bleibt für den Betrachter des Bildes unergründbar, denn die Beschreibung auf der Diahülle ist teils verblichen, teils vermodert. Keine Chance, ihre wahre Bestimmung herauszufinden.

Und dennoch: der alte Mann lässt mich nicht los. Er wird unweigerlich zum Bildmittelpunkt, zum Leitmotiv. Es scheint fast so, als habe Roland Barthes den Begriff des punctums nur für ihn geschaffen. „Das punctum einer Photographie“, so schreibt der Semiotiker und Fototheoretiker, „das ist jenes Zufällige an ihr, das mich besticht (mich aber auch verwundet, trifft)“. Eine sinnliche Wirkung also, die den Betrachter einnimmt und verweilen lässt, so wie die Blumen im Bild oder die Orden, ja selbst die Mimik des Mannes nimmt mich gefangen.

Dennoch verweist dieses Bild auf weit mehr. Es ist gleichzeitig ein Zeugnis der kollektiven Trauer und auch eine Metapher ohne Geschichte, welche einen Einzelnen fokussiert und ihn eigenmächtig zur Projektionsfläche für den ungesehenen Raum oder für ungelebte Geschichte werden lässt.

Die vollständige Diaserie könnt ihr euch in der nachfolgenden Flickr-Slideshow ansehen.

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