Rezension /// Herpes „Das kommt vom Küssen“

Von Devo die Reduktion, von den Fehlfarben die Gleichsetzung von Banalität und Politik, von der neuen deutschen Welle die Ironie. Herpes verwuseln diese Elemente auf „Das kommt vom Küssen“ in zehn Songs, die so dringlich daher kommen als hätte man schon immer auf sie gewartet. Mit den Fehlfarben und 1000 robota teilt man sich nun auch das gleiche Label (Tapete), worauf man sicherlich sehr stolz sein wird. Für die Erstgenannten – und das sollte man durchaus als Kompliment auffassen – dürfen Herpes sogar als Support einspringen.
Herpes haben sich also für 2010 prächtig positioniert. Und dennoch: sieht man von diesen ganzen internen Labelbefruchtungen und dem zunehmenden Fahrtwind ab, mit dem die Berliner auf der Spree in Richtung Ozean schippern, so ist dieser ganze Trubel keinesfalls unbegründet. Auf Tapete blüht ein Pflänzchen, das sich arg nach einem größeren Topf sehnt. Da passt einfach alles: der PR-Gag mit dem Namen, zusammenhängend damit all die ganzen Infektionsmetaphern, die sich herrlich in Sätze packen lassen und letztlich auch die druckvollen Songs.

Weniger ist mehr. Und besser.

Sinn macht auch der musikalische Ansatz von Herpes. Dieser dreht sich um die Pole Reduktion und Verdichtung. Ein Kniff, den auch schon Devo vom Punk und Dadaismus gelernt und noch weiter verfeinert haben. Gut, dass das heute auch noch funktioniert. Doch wohingegen Devo den Minimalismus zum alleingültigen Prinzip erhoben haben, ist die Verkürzung bei Herpes nur ein Versatzstück aus einem großen Ganzen und fungiert als ausbalancierte Betonfläche für die hysterischen Worthülsen von Florian Pühs, der es versteht Intelligenz und Banalität auf kongeniale Weise miteinander zu verbinden. Pühs bettet zweckentfremdete lebensphilosophische Phrasen in Sätze, welche keine Angst vor Milieus oder Klischees haben. Und obgleich Zeilen wie „Der Kühlschrank ist leer / und ich nehm alles schwer“ (aus „Verzettelt“) im ersten Augenblick den Reim-Dich-Oder-Ich-Hau-Dich-Knopf zum Aufleuchten bringen werden, so stimmig sind diese Floskeln im musikalischen Kontext. Denn was bei dieser Reduktion übrig bleibt ist das Wesentliche, in das sich auch keine Metaebene mehr einziehen lässt. Was gesagt werden soll, wird gesagt. So deutlich wie möglich.

An anderer Stelle ist genau das Gegenteilige der Fall. Während Synthesizer und Bass die immer gleichen Töne von sich geben und dabei keineswegs langweilig werden, schafft es Pühs sich in Rage zu reden und holt die Postmoderne für circa zwei Minuten an ihren angestammten Platz zurück. Wie eilig zusammengefügte Collagen wirken daher die Berlin-Stücke von Herpes („An einem Sonntag im August“, „Galeristin“, „Very Berlin“), die das Banale dem Politischen gegenüberstellen. Das kennt man natürlich von den Goldenen Zitronen oder von Peter Hein, aber Herpes bewahren sich hier ihre eigene Ausdrucksweise, ohne als billige Epigonen durchzugehen.

Herpes
„Das kommt vom Küssen“
Tapete Records

„Das kommt vom Küssen“ erscheint am 26. März via Tapete Records.

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