Der D-Böller und die Stadtguerilla /// Silvester in Berlin

Guter Dinge schließe ich die Hoftür hinter mir, grüße noch kurz, die Mutter erwidert. Der Kalender zählt den letzten Tag des Jahres. Das Ziel des Ausflugs ist die Front, nein, das Fegefeuer oder irgendetwas, das sich wie Krieg anfühlt, in dem Menschen Qualen leiden, schreien und gefoltert werden. Solche Orte gibt es zuhauf in diesem gottlosen Babylon, aber es sind nicht die Orte, die foltern, es sind die Menschen.

Es ist der 31.12. Ein guter Tag um alles mögliche zu tun, beispielsweise um nach Berlin zu fahren, eine Stadt, welche mit vielen Versuchungen, physischer und psychedelischer Natur immer wieder Unmengen an Touristen anzieht, die den Start des neuen Jahres nicht unbedingt alleine feiern wollen. Dazu suchen sie sich einen Ort aus, der mit den öffentlichen Verkehrsmittel schnell und notfalls im komatösen Zustand zu erreichen ist, etwa so einen Ort wie Berlin.

Dann trifft man sich an großen weitläufigen Plätzen, etwa am Alexanderplatz, um mit Menschen, die man noch nie im Leben gesehen hat und auch nie wiedersehen wird, den Startschuß ins Neue Jahr zu feiern. Lallend und tanzend wälzt man sich in einer Brühe aus Sekt und geschmolzenem Schnee, bis dann schließlich auch Tante Erika die ersten Brandverletzungen von vorbei fliegenden Raketen davongetragen hat. Jetzt sind wir alle glückselig, denn wir leben noch.

Doch es wird noch viel schlimmer. Der D-Böller ist die Handgranate des modernen Stadtguerilla und eine nicht zu verzichtende Waffe im Kampf um die einzelnen Straßenzüge. Erika ist schon lange bewusstlos als es so richtig losgeht. Der Alex ist heiß umkämpft. Fast unscheinbar tümmeln sich marodierende Banden im Geflecht aus Touri und Gegner, doch was heißt das schon. An anderen Orten ergeht es dem Unbewaffneten, der einfach nur mal so „zum Feiern“ rausgegangen ist, nicht anders. Strategien und Fluchtpläne werden entworfen. Für die Kleidung empfiehlt sich feuerfestes Material. Doc Martens haben Hochkonjunktur. Nur die Gebrechlichen bleiben zurück: „Geht ohne mich weiter. Ihr werdet es schaffen.“

http://www.youtube.com/v/QuxbvEexHg8&hl=de_DE&fs=1&

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