Firmenhymnen reloaded

Vor ein paar Tagen gab’s an dieser Stelle ein wirklich trashiges Filmchen zum Edeka-Musical. Bernd und Jacek haben mich auf die Idee gebracht zu diesem Thema ein wenig zu recherchieren, weil gerade Firmenhymnen ziemlich viele Positionen abseits der humoristischen eröffnen.

Der Kulturwissenschaftler Rudi Maier (alias MC Orgelmüller) hat jüngst die gemeine Firmenhymne in „Ein Herz braucht das Blut, so wie wir unsere Kunden“ unter die Lupe genommen. Die Firmenhymne ist dabei die logische Konsequenz des Arbeiterliedes, auf einer sehr subtilen Art und Weise. Firmenhymnen sollen in erster Linie die Nähe zur Belegschaft und zum Produkt intensivieren und vor allem das Arbeitsverhältnis subjektivieren. Die Mitarbeiter sollen eine Beziehung zum Betrieb aufbauen.

Im Abstract des Artikels heißt es:

Firmenhymnen dienen primär der Herstellung biopolitischer Ordnungssysteme innerhalb von Unternehmen. Sie sollen MitarbeiterInnen motivieren und ans Unternehmen binden und sie stellen eine neue Form der Produktivität dar, die an den „immateriellen Verbindungsstellen der Produktion von Sprache, Kommunikation und des Symbolischen“ anzusiedeln ist (Negri/Hardt: Empire, 47).

Im Zentrum der Firmenhymne steht die aktivierende Aufforderung sich „mit Leib und Seele“ im Unternehmen einzubringen. Unternehmen nutzen Firmenhymnen (und Firmensongs) darüber hinaus als weiteres Alleinstellungsmerkmal im Kampf um das knappe Gut Aufmerksamkeit und sie markieren eine bedeutsame Transformationslinie: Den Übergang von der Industriearbeit, musikalisch gekennzeichnet durch das Arbeiterlied (das emblematisch für die Klassengegensätze im Arbeitsregime der Fabrik stand), zur gegenwärtigen (postfordistisch verfassten) Gesellschaftsordnung einer „Wissensgesellschaft“, in der im Zuge eines umfassenden „Kulturalisierungsprozesses“ (Lindner, 1995) die Produktion von symbolischen Gütern und Dienstleistungen enorme Bedeutung gewonnen hat. Zusammengefasst: Firmenhymnen sind aktueller Ausdruck des gesellschaftlichen Wandels vom industriellen zum kognitiven Kapitalismus.

Zum Thema gibt es auch einen sehr informativen Artikel auf Zeit.de, den mir Bernd empfohlen hat. In diesem Artikel, der auf die Ergebnisse Maiers aufbaut, werden außerdem die Rahmenbedingung für das Aufkommen von Firmenhymen analysiert.

In den vergangenen Jahren hätten sich die Arbeits- und deren gesellschaftliche Rahmenbedingungen stark gewandelt; in den Unternehmen herrsche große Fluktuation, es gebe mehr Entlassungen, die Mittelschicht drohe abzurutschen – und auch deshalb hätten immer mehr Mitarbeiter bereits innerlich gekündigt. Wie eine Umfrage des Marktforschungsinstitutes Gallup im vergangenen Jahr ergab, verspüren nur noch 13 Prozent aller Arbeitnehmer eine echte Verpflichtung gegenüber ihrem Unternehmen. Hinzu kommt die Wirtschaftskrise. »Gerade in Zeiten, in denen es schwer ist, muss man die Mannschaft zusammenhalten«, sagt Constantin Reineck von Ladage Media.

Opium für’s Volk? Damit das Prekariat nicht in den Strudel der Nörgelei abrutscht, und womöglich das böse Wort Betriebsrat ins Spiel gebracht wird, versucht man also eine Mitarbeiterbindung durch Firmenhymnen und andere Methoden zu erreichen.

http://www.youtube.com/v/MGuoo3yyG5U&hl=de&fs=1&
Den Zeit-Artikel findet ihr hier. Den IBM-Werbespruch habe ich aus dem Zeit-Artikel übernommen.

3 thoughts on “Firmenhymnen reloaded

  1. nachtrag: auf digibarn.com habe ich eine auswahl von 106 ibm-songs gefunden, darunter auch der aus dem zitat im artikel. wenn man sich ein paar zeilen der lieder durchliest, verbreitet sich eine ganz beklemmende stimmung. in dieser fülle von moral- und motivationsteigernden tiraden, wirken die songs gar nicht mehr so lieb und nett, sondern eher verstörend. auf der seite gibt es auch ein paar liner notes und melodievorgaben für die ibm-firmensongs. wenn man da mal genauer hinschaut, entdeckt man songs wie "glory, glory, hallelujah" oder "my bonnie lies over the ocean" als melodievorgage mit neuem text. den gospels oder traditionals wird ein neuer text übergestülpt. dabei lässt sich ganz gut die subjektivierung des arbeitskreises nachvollziehen, die im nachhinein durch eine quasi-religiöse komponente ergänzt wird. holy shit!!!

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s