Offener Brief: Spielsucht II (Day Of The Tentacle)

Liebe Gemeinde,

vielleicht hilft es darüber zu reden und sich einzugestehen, dass man ein Problem hat. Ein Problem, was andere nicht haben. Ich habe das an anderer Stelle schon getan und bedauere keineswegs meine Tat, denn es war nötig darüber zu reden. Es ist auch an diesem bewölkten Samstag wieder nötig über eine bestimmte Sache zu reden: der Spielsucht.

Diese Woche hatte ich einen wirklich schlimmen Albtraum, so dass ich am Morgen danach schweißüberströmt aufgewacht bin und noch tagelang daran denken musste:

Ein kleiner Spatz flog über ein herrlich-anmutendes Anwesen. Er zirpte eine süße Melodie und war sich des Lebens froh, bis er über einen Fluss flog und der Fluss langsam zu einer stinkenden Brühe mit zahlreichen Industrieabfällen wurde. Obwohl der Spatz noch nie etwas von Umweltverschmutzung gehört hatte, spürte er sogleich dessen Folgen: Keuchhusten, Erstinkungsanfälle. Noch bevor er das andere Ufer erreichen konnte, fiel er wie ein Stein vom Himmel. Doch es wurde noch viel schlimmer, weil sich in den nächsten Sequenzen die Übeltäter der ganzen Misere abzeichneten. Am Fuße des Flusses standen zwei furchtbare Tentakel, die sich in einem ellenlangen Monolog über das dumme Menschenvolk unterhielten. Sie taten dies mit solchem Hass, dass es fast schon menschenfeindlich war ihnen zuzuhören. Aus den Wortfetzen kristallisierten sich Sätze heraus – Aus den Sätzen wurden dann schließlich ein gemeiner Plan. Die Tentakel kamen um:

DIE WELT ZU EROBERN!

Einigen von euch wird jetzt sicherlich schon aufgefallen sein, aus welchem Spiel die folgende Szene stammt und ja, es ist Day Of The Tentacle, der Nachfolger von Maniac Mansion. Day Of The Tentacle, kurz DOTT, ist 1993 erschienen und das wohl letzte offizielle Point & Click-Adventure von Lucas Arts mit dem herrlich trashigen User-Interface aus dem man wählen kann, ob man besagten Gegenstand nun doch „Drücken“, Ziehen“ oder „Benutzen“ möchte. Besagtes Interface kennt man von ähnlichen Games wie Monkey Island oder Zac Mckracken oder eben auch aus die Indiana Jones-Reihe. Es ist außerdem eines der vielen Trademarks dieser Art von Adventures.

Ein anderes sehr wichtiges Trademark ist der hohe Suchtfaktor, der allenthalben begünstigt wird durch den obskuren Handlungsablauf und den hohen Unterhaltungsfaktor. Allein die Handlung ist schon herrlich abstrus:

Das Purpur-Tentakel, was von dem verrückten Wissenschaftler Dr. Edison (Ähnlichkeiten mit anderen Wissenschaftlern sind unvermeidlich) zuerst als Haustier gehalten wird, trinkt von den giftigen Abwässern des Edison-Labors und mutiert. Eigentlich wachsen ihm nur zwei Arme, aber damit sieht es sich befähigt die Welt zu erobern (!!!). An diser Stelle kommt der Spieler an die Reihe. Purpur-Tentakel hat einen rechtschaffenden Bruder, Grün-Tentakel, dieser bittet seine Freunde um Hilfe. 5 Minuten später stehen der labile Physik-Freak Bernhard, der Heavy Metal-Roadie Hoagie und die Medizinstudentin Laverne auf der Matte und wollen helfen.

Doch, wie kann es anders sein, gestaltet sich die Hilfe mehr als schwierig, denn die Freunde werden mit Hilfe einer toilettenartigen Zeitmaschine in ein Zeitloch gerissen und müssen fortan über eine Toilette miteinander kommunizieren. Das hört sich sicherlich ziemlich bekloppt an, entspricht jedoch der Wahrheit. Die Toilette im Spiel ist eine Art offenes Zeitloch, durch das die Figuren Dinge hin und her schicken können, je nachdem, wer was für seine Unternehmungen braucht. So schickt man beispielsweise einen Hamster 200 Jahre in die Zukunft und zieht diesem einen eingewaschenen Pullover an.

Welchen Stellenwert der Hamster im Spiel hat, sollte man selbst herausfinden, schließlich muss man seine Sucht mit anderen teilen. Und da es reichlich schwierig ist MS-Dos-Games unter Windows zu spielen, gibt es mit ScummVM ein wunderbares Open Source-Tool, dass es wieder möglich macht in Kindheitserinnerungen zu schwelgen und sich aus einer übermachtigen und bösen 3D-Welt in eine heimelige 2D-Welt zu flüchten.

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