Internet-Bashing für Fortgeschrittene

Das böse, böse Internet ist in den letzten Monaten auf den Prüfstand gestellt worden. Man bewegt sich nicht mehr in ihm, sondern schreibt sich seinen ganzen kulturpessimistischen Kram von der Seele. „Is Google Making Us Stupid„, fragte Nicolas Carr auch sogleich im Juli 2008 und eröffnete damit einen um-sich-greifenden Diskurs über die Medialität des Web2.0 und seine Folgen auf die menschliche Wahrnehmung. Es folgen zeitnahe Nachahmer und Reaktionen in Spiegel („Macht das Internet doof?„) etc.
Allen Artikeln ist eine gewisse pessimistische Grundhaltung nicht fremd. Wenn es darum geht pro und contra abzuwägen und seinen eigenen Ansatz auf’s Genaueste zu prüfen, entscheiden sich die meisten Journalisten für eine latent-negative Daseinsbewertung des Internets. So ist es dann auch nicht verwunderlich, dass sie inhaltlich ähnlich verfahren:

Zuvorderst steht die Angst vor einer immer geringer werdenden Rolle des Menschen im Zeitalter der digitalen Medien – Der Mensch passe sich immer mehr dem Zeitmanagement der Maschine an – Mehr Informationen müssen gefiltert und kanalisiert werden – Mehr Arbeit in weniger Zeit muss verrichtet werden – Lesegewohnheiten verändern sich – die Informationsverarbeitung im Gehirn passt sich den Gepflogenheiten der digitalen Kultur an und was noch viel schlimmer ist: Internet-Nutzer können kein Wissen mehr aus Informationen bilden, weil dass die Zeit nicht mehr zulässt. Wir verarbeiten demnach nicht mehr, sondern verteilen nur noch.

Gefangene in einem digitalen System!!! Da werden Ängste geschürt und eine kleine Massenhysterie vorbereitet. Was dabei allerdings oft vergessen wird, ist der Fakt, dass es diese Art von Kulturpessimismus, mitten in einem Paradigmen- oder Medienwechsel, schon immer gegeben hat. Sokrates soll sich wehement gegen eine Schreibkultur gewandt haben, berichtet PlatonGutenberg musste sich anfänglich einer ähnlichen Kritik auseinander setzen. – Baudelaire spottet Mitte des 19. Jahrhunderts über die leidliche Kunst der Fotografie. Obgleich man die einzelnen Medien, die hier angesprochen werden, sehr differenziert betrachten muss, bieten die Ansätze ihrer Kritiker eine gemeinsame, fortschrittsabgewandte Wurzel.

Dark Fiber – Auf den Spuren einer kritischen Internetkultur“ von Geert Lovink bietet da einen anderen Ansatz, der sich schon im Titel entfaltet. Lovink untersucht das Web2.0 als einen dynamischen Ort, der nicht nur in kommunikationswissenschaftlicher Hinsicht extrem interessant ist, sondern auch viele politische, psychologische und ökonomische Argumentationsan- sätze bietet, die bisher außen vor gehalten wurden. Was Lovink von den Sokrates der Moderne unterscheidet, ist die präzise Abwägung von pro und contra. Das Werk ist bei der Bundeszentrale für politische Bildung erschienen.

Einen methodologisch gut gedachten Artikel bietet derzeit Die Zeit. In „Was darf das Internet“ untersucht Heinrich Wefing das Cyberspace als Ort, indem die Gesetze des Rechtsstaats ebenso zu tragen kommen wie in der physischen Welt. Einen weitere Perle der kritischen Internetkultur habe ich auf den Seiten von nymag.com gefunden. Sam Anderson hat sich in seinem Artikel „In Defense of Distraction“ zwar eine Menge von Nicolas Carr abgeschaut, allerdings weiß er auch die Thesen von „Is Google Making Us Stupid“ gehörig umzudrehen. Aus den referenzlosen Bilderwelten, die in eine Überstimulierung der Wahrnehmung der Betrachter gipfelt, wird bei Anderson eine Homage auf die Ablenkung und was mich persönlich am meisten freut: Multitasking wird ad absurdum geführt.

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