Georg Kreisler /// "Taubenvergiften"

Schatz das Wetter ist wunderschön, da leid ich’s nicht länger zu Haus, heute muss man ins Grüne gehn, in den bunten Frühling hinaus […]“ So beginnt der rabenschwarze Chanson des Wiener Kabarettisten/Pianisten Georg Kreisler. Doch Kreisler wäre nicht Kreisler, wenn er nicht auch die alltäglichste Sache, ein Picknick beispielsweise, in eine wunderbar bösartige Geschichte mit einem noch bösartigeren Ende verwandeln würde.

Mit nur einem einzigen Satz schlägt die Idylle plötzlich in den Tatort eines massenhaften Tiermordes um: „Schau, die Sonne ist warm und die Lüfte sind lau, gehen wir Taubenvergiften im Park!“ Das Publikum ist verblüft, ergriffen sogar. Soll man da lachen? Obwohl der Song in den ersten vier Jahren nach seiner Veröffentlichung (1956, damals noch „Frühlingslied„) nicht im Radio gespielt wird, markiert „Taubenvergiften“ den frühen Ruhm des Wiener Pianisten. Den Radioboykott hat ihm ein österreichischer Programmdirektor einmal so erklärt: „Wir üben keinerlei Zensur aus, denn wir leben ja in einer Demokratie. Wir entscheiden lediglich, was man der Masse vorsetzen kann und was nicht.

Kreislers Geheimrezept ist die Mundpropaganda und das ewige Herumstochern in den alten Wunden der Wiener Gemütlichkeit. 11 Jahre nach dem 2. Weltkrieg verfiel der Wiener Schmäh in eine Art Schlafkrankheit, die die Ereignisse von 1933-1945 vergessen machen wollte. Doch Kreisler, der selbst aus Österreich wegen seiner jüdischen Herkunft floh und später wieder zurückkehrte, spürte, dass sich die Haltung gegenüber Juden und Andersdenkenden noch keineswegs geändert hat. So sagt Kreisler ein paar Jahre später: „Ich habe mich damals geniert, Gerechtgkeit zu verlangen, es wäre auch vergeblich gewesen. Ich habe „Taubenvergiften geschrieben statt ein paar Worte oder Klänge, über die ich Blut verloren hätte.

Georg Kreisler /// „Taubenvergiften“

http://www.youtube.com/v/OOqsfPrsFRU&hl=en&fs=1

Die Zitate stammen aus der Kreisler-Biografie „Gibt’s doch gar nicht„. Erschienen bei Fischer.

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