Juicy Beats: Abspacken, wo andere Urlaub machen

Juicy BeatsDie 16. Auflage vom Juicy Beats im Dortmunder Westfalenpark musste ohne Superstar Beth Ditto auskommen. Rund 25.000 Menschen quittierten das mit einem Achselzucken und taten das, was sie ohnehin vorhatten: feiern.

Das Tolle am Ruhrgebiet sind die kurzen Distanzen zwischen den Städten. In nicht mal zehn Minuten fährt man mit dem Regionalexpress von Bochum nach Dortmund. Zehn Minuten, von denen man die ersten drei damit vergeudet, nach einem Sitzplatz Ausschau zu halten. Ein auswegloses Unterfangen. Die nächsten zwei Minuten gehen dafür drauf, nicht mit vorbeihuschenden Fahrgästen und manngroßen Trolleys zu kollidieren. Human Space Invaders, nur eben ohne Game Over. Es gilt, sich mit dem Stehplatz anzufreunden. Sein Schicksal zu akzeptieren und durchzuhalten. Dafür wird man mit lebensechten Dialogen belohnt. Der Andy hat beispielsweise noch „Restalkohol von gestern“. Trotzdem wird er heute wieder „kadausevoll“ sein. Die Miri kann sich damit wenig anfreunden und droht mit Liebesentzug. „Mir doch egal“, sagt Andy, „da such ich mir ne andere Trulla.“ „Die wirst du auch brauchen, ab morgen ist Schluss.“ Warum denn erst ab morgen, denke ich mir. Alleine feiern ist wohl die größte Bestrafung. Was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht weiß: Die beiden werden am Einlass Brüderschaft trinken. Vergeben, vergessen. Game Over abgewendet.

Mit der U45 geht es dann zum Westfalenpark. Um die Wartezeit beim Einlass zu überbrücken, habe ich ein paar Wissenshäppchen vorbereitet. Unnützes Wissen, sozusagen. Kommt immer gut, wenn man sich mit den Spielstätten mal richtig auseinandersetzt: „Wusstet ihr“, frage ich meine Bekannten, „dass der Dortmunder Westfalenpark 1959 in Betrieb genommen wurde?“ Interessiertes Nicken auf der anderen Seite. „Und dass vor der Umstrukturierung zur gigantischen Familienbespaßungs-Grünfläche hier mal eine Mülldeponie und eine verwilderte Kleingartenanlage angesiedelt waren?“ „Wow“, raunt meine Bekannte, „Kennst du schon Wayne? Wayne interessiert’s?“ Ich spare mir meinen Kommentar.

Vom Eingang an der Ruhrallee hat man einen wunderbaren Blick über das Festivalgelände mitsamt Florianturm und Bühnen. Diese tragen zur besseren Orientierung auf dem 70 Hektar großen Gelände die Namen von Obstsorten, was zu teils sehr absurden Gesprächen führt. Wir so: „Wo geht’s hier zur Ananas? Die soll in der Nähe der Pflaume sein. Vorher kommt noch die Birne. Vielleicht ist das auch ein Apfel. Habe meine Brille zu Hause vergessen.“ Die Antwort eines Passanten: „Ach ja, alles klar. Von hier aus geht ihr am besten zur Drachenfrucht. Biegt dann links in Richtung Johannisbeere. Dann geht’s ne Weile geradeaus und schwupps seid ihr bei der Ananas.“ Ein Besuch der Ananas a.k.a. Konzerthausstage lohnt sich übrigens gleich doppelt. Für die lange Wegstrecke wird man mit einem herrlichen Blick auf den See und wirklich großartigen Künstlern belohnt. Eines der hinreißendsten Live-Sets – neben Boys Noize, Bonaparte und Frittenbude – spielen die Schweden Golden Kanine auf der Konzerthausstage. Im Spannungsfeld von Indie- bzw. Post- Rock präsentiert die sieben-köpfige Truppe ihre Version von osteuropäischer Folklore. Bläsersätze inklusive.

Gesegnet sind Menschen mit Terminkalender

Zellteilung müsste man beherrschen. Das wär’s. Vielleicht könnte man dann allen favorisierten Live-Sets beiwohnen, die unglücklicherweise alle gleichzeitig spielen. Ein Blick auf den Festivalplan bringt auch keine Erlösung. Auf 21 Bühnen finden sich Dubstep, Drum ‘N‘ Bass, Elektro, Folk, Indie-Rock, Techno, Trashpop, Worldbeat und eine schier unermessliche Zahl an Künstlern. Sicherlich ist das ein Loblied auf die Diversität des Festivals, aber dennoch sollte man vielleicht über einen zweiten Festivaltag nachdenken. Da das muntere Umherirren auf fremdem Terrain mitunter sehr stressig werden kann, entscheiden wir uns nur ein paar wenige Künstler anzusehen. Als Home Base wählen wir die FZW Stage oder besser gesagt: die Himbeere. Dort anzutreffen sind Saalschutz, The Thermals, Bonaparte, The Notwist und der allseits geschätzte Gisbert zu Knyphausen.

Letzterer spielt übrigens zeitgleich mit Boys Noize, einer der derzeit gefragtesten DJs und Labeleigner. Obwohl der intime Gitarrensound von Gisbert zu Knyphausen nicht gegen die kontrollierten Explosionen von Boys Noize – bürgerlich: Alexander Ridha – anstinken kann, ist die Meute vor der FZW Stage nicht weniger energetisch. Da zeigt sich, was jahrelange Fanarbeit ausmacht. Während Gisbert auf der Bühne steht und lauthals über die Rumpelpisten unserer Existenz nachdenkt, haben die Jungs neben uns etwas ganz anderes vor: einen Schlafplatz für die Nacht finden. Denn eines könne man bei so melancholischer Musik besonders gut, referiert der Typ neben mir: „Mädels klar machen!“ Noch besser sei allerdings Clueso. Ab da trennen sich unsere Wege.

Wir treten die Heimreise an. Für andere beginnt der Abend erst. Unsere Füße sind mindestens so müde wie der zertrampelte Rasen im Westfalenpark. Etwas schade, dass wir nicht alles sehen konnten, was wir uns vorgenommen haben, aber das grandiose Park-Setting und die entspannten und tanzfreudigen Fans haben uns fürstlich entlohnt. Von der Künstlerauswahl ganz zu schweigen, die war wie immer von hohem musikalischem Sachverstand geprägt. Da verschmerzt man schnell die Absage der eigentlichen Headlinerin, Beth Ditto.

Das 16. Juicy Beats fand am 30. Juli im Dortmunder Westfalenpark statt. Mehr Infos zum Festival findest du hier.

Die Fotos werde ich später online stellen. Stay Tuned.

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